"...wir sind nicht Rauch ..."
Rüdiger Kalupner
entbietet den KREATIVEN und Euch, den geduldigen Lesern und Sammlern meiner Flugblätter, seinen Neujahrsgruß !
In diesem Flugblatt versuche ich darzustellen, wie
die beiden Hauptrichtungen der 68er-Bewegung bei uns, den DIE KREATIVEN, in einem emergenten Neuen zusammenlaufen - 40 Jahre danach.
Die Avantgarde der 68er-Bewegung war zweigeteilt in hedonistisch-epikureisch orientierte Lust-Kommunarden und marxistisch-revolutionäre K-Gruppen. Die einen strebten danach, ihre Wahrnehmungsfähigkeit zu steigern und zu befreien - hin auf geistige Erleuchtung und kosmische Sexerfahrung. Die anderen wollten die Vorherrschaft des Kapitals kippen, um damit die Menschheit aus dem "Reich der Notwendigkeit" zu befreien.
Auf den Punkt gebracht, ging es den 68ern ums
"Wippen" und ums Kippen.
Aber eine welthistorisch-kreative Synthese, die die Hedonisten und die EPIKUREER einerseits und die Akteure der WELTREVOLUTION auf der anderen Seite zusammengebracht hätte, hat die Avantgarde der 68er nicht geleistet. Eine projekt- und praxistaugliche, konkrete Gesellschaftsutopie, in der die "hedonistische Internationale" und die Sozialistische Internationale aufgegangen wäre, wurde durch das Klassenkampf- und Konfliktkampf-Modell eines Rudi Dutschke vom Ansatz her blockiert. Ein mögliches, KREATIVES DRITTE hatte bei den 68ern und auch bei den LINKEN bis heute keine Chance in die Diskussion und so in die Wirklichkeit zu treten.
Dieses KREATIVE DRITTE, die evolutionsprozess-eigene, historische SYNTHESE, die das "Wippen" und Kippen der 68er zusammenbringt,
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ist erst jetzt evolutionstheoretisch und projektfähig erkannt und steht
als EPIKUR-Projekt (= E.volutions-P.rojekt-I.nformiertes, K.ultur-U.topie-R.ealisierungs-Projekt) ante portas. Es besitzt mit der Klimaschutzpolitik einen globalen Tagesordnungs-/Diskussions- und Durchsetzungshebel.
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verheißt "Heitere Erleuchtung für alle!", d.h. das Wachsen menschlicher Fähigkeiten hin zur Quelle aller nachhaltigen Glück-und-Lernerfahrung. Heitere Erleuchtung eröffnet die sichere Perspektive hin auf subjektive Erleichterung im Existenziellen, hin auf Befreiung von Angst im Psychischen und beschleunigt so die allseitige Entwicklung unserer Beziehungsfähigkeit.
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verheißt "Evolutionäre Kreativität an die Macht" über die gesellschaftliche Entwicklung, d.h. die Auflösung aller gewachsenen Herrschaftsinstitutionen, die als Ergebnisse der vergangenen, geschichtlich notwendigen Dauerkonflikt- und Macht-Gegenmacht-Kämpfe entstanden sind, und die uns bis zum Crash der Weltindustriekultur immer konsequenter nasführen und ausbeuten wollen.
Gegen unser KREATIVES DRITTE, gegen die evolutionsprozess-eigene, historische SYNTHESE ist kein kapitalistisches Abwehrkraut gewachsen. Unsere Geniepunktpolitik wird die globalen Machtverhältnisse über die Finanzmärkte zum Tanzen und ins Schwingen bringen. Uns wird alles lustvoll und leicht gelingen.
Wir werden es beweisen.
Wir, DIE KREATIVEN, 1. evolutionistischen Partei der Welt, sind die Partei der EPIKUREER des schöpferisch-revolutionären Typs. Wir wollen friedenstiftende Diener des Evolutionsprozesses und zugleich in allen Konkurren-zen überlegene Geniepunktpolitiker sein. Wir organisieren die Mitglieder des 5. Stands, die "KREATIVEN EVOLUTIONÄRE". Sie, die wir auch Goethepolitiker nennen, wollen wir "an die Macht bringen" - zur Mehrheit in den Parlamenten, in die Regierungen, ins Bundeskanzleramt. Und das nicht nur in Deutschland.
Evolutionslogisch zu Ende gedacht ist das ja eine globales Muß.
Wie soll das gehen? Das 68er "Sonett" von Rainer Kirsch inszeniert unser Erfolgsmodell in analoger Weise.
"... wir sind nicht Rauch ..."
ist für mich der Einstieg. Wir, die KREATIVEN, liegen am liebsten mit der EVOLUTION im Bett. Jeden Morgen wachen wir bei IHR auf. Wir lieben SIE und SIE mag uns wohl auch sehr. Wie die Geliebte in Rainer Kirschs "Sonett" antwortet SIE auf unsere Frage nach IHREM Befinden: "Genug, .., ist"s nie". SIE sagt uns also, wo es lang geht. SIE will, dass wir SIE immer wieder fassen, auf dass SIE uns stets mit IHREN Ideen erreicht und erregen kann. SIE versetzt uns damit immer wieder in die unternehmerische Lage und in die Stimmung, uns erneut zu versuchen und aufzubrechen. Auf IHRE Genialität kann man bauen. Auf die "Genialität-in-den-Dingen" wie Goethe diese Realität benannte, auf die "Genialität-im-Evolutionsprozess", wie ich sie erfahren habe, habe ich mich seit 25 Jahren verlassen können. SIE hat mir schon zu Beginn meiner kreativen Widerstandskarriere die evolutionsprozess-aktuelle Geniepunkt-Innovation verraten.
Wie Ihr wißt, ist es der EPIKUR-Projektlohn - ein energie- und sachkapital-steuerfinanziertes Zweit-/Grundeinkommen für Jedermann. Der EPIKUR-Lohn wird alle weiteren Tariflohnerhöhungen in Deutschland ersetzen und dadurch ein Momentum auslösen, das den Exodus aus der globalen
Wachstumszwang-Tyrannei starten wird. Auf diesen Exodus will SIE hinaus. Danach wird unser aller göttliches Genug-ist"s-nie-Weibwesen mit Namen EVOLUTION uns helfen, die Weltherrschaft des KREATIVEN über den Globalisierungsprozess aufzurichten:
"SIE hat geschickte Lippen."
Wenn die 68er diese KREATIVE Genug-ist's-nie-DRITTE schon so wahrgenommen, erkannt, erlebt und kommuniziert hätten ...
Es grüßt Euch ganz herzlich,
Euer Rüdiger
Erlangen, am 11./15.1.2008
Sonett
Und als die siebente Stunde Frühe schlug
Erwachten wir sehr blaß in ihrem Bette.
Ich fragte, ob ich sie genügend hätte.
Sie sagte: nein. Und wie ich sah, mit Fug -
Genug, sprach sie, ists nie. Selbst sieben Male
(Ich will nicht lügen, fünf, doch gut für sie)
Sind nichts, wenn sie vorbei sind, d.h. fast nie
Mehr als Erinnerung, und was soll die: male
Den Mund mir mit den Lippen rot, und laß
Die Sonn (sie sagte: Tags Stern) mir am Bauch
Allein nicht, sie könnt friern, ich denke, Rauch
Geraucht, wird kalt, wir sind nicht Rauch: nur daß
Du mich jetzt faßt, beweists, komm laß uns wippen.
Da fing mirs an. Sie hat geschickte Lippen.
"Sonett", von Rainer Kirsch aus dem Jahr 1968
interpretiert von Joachim Sartorius - aus: FAZ v. 25.3.2006, Frankfurter Anthologie, Redaktion Marcel Reich-Ranicki
Melancholische Unterströmung
Ein erschöpfter, sehr blasser Liebhaber spricht zu uns. War es fünf, war es sieben mal? Egal, es war oft. Öfter als der Mann gemeinhin kann. Und siehe da, dieser erschöpfte Liebhaber, weil er ein augenzwinkernder Prahlhans ist, revitalisiert sich gegen Ende dieses Gedichts und will schon wieder "wippen".
Rainer Kirsch hat ein sinnliches und zugleich ein übermütiges Sonett geschrieben. Der Inhalt des Gedichts muß ihm ebenso viel Spaß gemacht haben wie seine Konstruktion. Darin liegt auch die Stärke dieses Sonetts, das nicht nur auf der Unersättlichkeit in Liebesdingen herumreitet, sondern mit höchster Virtuosität den Regeln des Sonetts entgegenkommt. Genauer: den Regeln des sogenannten Englischen (Shakespeare-) Sonetts, das aus drei Quartetten und einem abschließenden Zweizeiler im Paarreim - wie passend! - besteht.
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Rainer Kirsch ist ein poeta doctus. Keiner weiß genauer als er, der sich so intensiv mit Petrarca befaßt hat, daß das Sonett primär Liebesdichtung ist, dies jedoch von Anfang an mit der Neigung, Gefühle in ein "Formenspiel der Vernunft" (Hugo Friedrich) einzuschmelzen. Dies ist nun der Witz dieses Gedichts: Die Intensität des erotischen Gefühls, der sinnlichen Regungen - fellatio ante portas! - wird quasi legitimiert durch ein strenges Gedankenspiel. Da wir uns fassen, sind wir nicht Rauch, können so auch nicht kalt werden, so wie die Sonne nicht friert, wenn wir sie nicht allein lassen und uns am Bauch berühren, uns nahe sind.
Im zweiten und dritten Quartett tritt diese dialektische Grundstruktur offen zutage. Während der Beginn des Gedichts fast brechtisch einfach und schön ist und sein Schluß frech und aufmunternd, überwiegt in seiner Mitte die Verschachtelung, lesen wir komplizierte Versabläufe, verheddern wir uns, der etwas manierierten Redeweise der Dame ("sie sagte: Tags Stern") gemäß, in vertrackten Gleichnissen: ein Sinnbild der mechanischen Aspekte der Liebe? Lesen wir diesen Mittelteil mehrmals, so löst er sich doch auf, und wir bewundern erneut Rainer Kirschs esprit: Der Petrarkismus zielte ja auf die Spiritualität der Liebe und deutete deren Sinnlichkeitspotential als Ausdruck einer metaphysischen Sehnsucht. Pusteblume! sagt uns Kirsch und zieht alles etwas nieder, etwas mehr parterre.
Es geht um Sex, um das Vergnügen der Körper aneinander, und sehr umgangssprachlich wird das auch eingekreist. Statt stilistischer Überhöhung gibt es eine melancholische Unterströmung. Da alles Körperliche, alle Lust so schnell vergeht, nur noch Erinnerung bleibt, muß wieder von vorn begonnen werden. Sonst könnten wir, wie die allein gelassene Sonne, frieren. Was hilft gegen diese Vergänglichkeitsanwandlungen? Sich anfassen, wippen, küssen hier und auch dort, mit geschickten Lippen.
In seinen Essays zur Dichtkunst hat sich Rainer Kirsch stets gegen das auftrumpfende oder jammernde Benennen im Gedicht ausgesprochen - ganz so, als lasse erst die leise Anstrengung des Verses die Botschaft klar und hintersinnig erkennen. Hier teilt er uns eine sacht obszön eingefärbte Botschaft mit - vom Ermüden und Erschlaffen, auf daß sich die Liebenden dann um so munterer weiter lieben. Nicht anders ist, nach all den umschlingenden Reimen der Quartette, die schöne Aufforderung im Schlußvers zu deuten.
Rainer Kirsch: "Werke 1-4." Band 1: Gedichte & Lieder. Eulenspiegel Verlag, Berlin 2004. 1440 S., geb., 98,- [Euro].
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